Syntax ▪ Deutsche Beispiele

© Justo Fernández López


Des Kaisers neue Kleider

 

Vor vielen Jahren lebte ein Kaiser, der so ungeheuer viel auf neue Kleider hielt, dass er all sein Geld dafür ausgab, um recht geputzt zu sein. Er kümmerte sich nicht um seine Soldaten, kümmerte sich nicht um Theater und liebte es nicht, in den Wald zu fahren, außer um seine neuen Kleider zu zeigen. Er hatte einen Rock für jede Stunde des Tages, und ebenso wie man von einem König sagte, er ist im Rat, so sagte man hier immer: „Der Kaiser ist in der Garderobe!“

In der großen Stadt, in der er wohnte, ging es sehr munter her. An jedem Tag kamen viele Fremde an, und eines Tages kamen auch zwei Betrüger, die gaben sich für Weber aus und sagten, dass sie das schönste Zeug, was man sich denken könne, zu weben verstanden. Die Farben und das Muster seien nicht allein ungewöhnlich schön, sondern die Kleider, die von dem Zeuge genäht würden, sollten die wunderbare Eigenschaft besitzen, dass sie für jeden Menschen unsichtbar seien, der nicht für sein Amt tauge oder der unverzeihlich dumm sei.

,Das wären ja prächtige Kleider’, dachte der Kaiser; wenn ich solche hätte, könnte ich ja dahinterkommen, welche Männer in meinem Reiche zu dem Amte, das sie haben, nicht taugen, ich könnte die Klugen von den Dummen unterscheiden! Ja, das Zeug muss sogleich für mich gewebt werden!’ Er gab den beiden Betrügern viel Handgeld, damit sie ihre Arbeit beginnen sollten.

Sie stellten auch zwei Webstühle auf, taten, als ob sie arbeiteten, aber sie hatten nicht das geringste auf dem Stuhle. Trotzdem verlangten sie die feinste Seide und das prächtigste Gold, das steckten sie aber in ihre eigene Tasche und arbeiteten an den leeren Stühlen bis spät in die Nacht hinein.

,Nun möchte ich doch wissen, wie weit sie mit dem Zeuge sind!’ dachte der Kaiser, aber es war ihm beklommen zumute, wenn er daran dachte, dass keiner, der dumm sei oder schlecht zu seinem Amte tauge, es sehen könne. Er glaubte zwar, dass er für sich selbst nichts zu fürchten brauche, aber er wollte doch erst einen andern senden, um zu sehen, wie es damit stehe. Alle Menschen in der ganzen Stadt wussten, welche besondere Kraft das Zeug habe, und alle waren begierig zu sehen, wie schlecht oder dumm ihr Nachbar sei.

,Ich will meinen alten, ehrlichen Minister zu den Webern senden’, dachte der Kaiser, er kann am besten beurteilen, wie der Stoff sich ausnimmt, denn er hat Verstand, und keiner versieht sein Amt besser als er!’

Nun ging der alte, gute Minister in den Saal hinein, wo die zwei Betrüger saßen und an den leeren Webstühlen arbeiteten. ,Gott behüte uns!’ dachte der alte Minister und riss die Augen auf. ,Ich kann ja nichts erblicken!’ Aber das sagte er nicht. 

Beide Betrüger baten ihn näher zu treten und fragten, ob es nicht ein hübsches Muster und schöne Farben seien. Dann zeigten sie auf den leeren Stuhl, und der arme, alte Minister fuhr fort, die Augen aufzureißen, aber er konnte nichts sehen, denn es war nichts da. ,Herr Gott’, dachte er, sollte ich dumm sein? Das habe ich nie geglaubt, und das darf kein Mensch wissen! Sollte ich nicht zu meinem Amte taugen? Nein, es geht nicht an, dass ich erzähle, ich könne das Zeug nicht sehen!’

„Nun, Sie sagen nichts dazu?“ fragte der eine von den Webern.

„Oh, es ist niedlich, ganz allerliebst!“ antwortete der alte Minister und sah durch seine Brille. „Dieses Muster und diese Farben! - Ja, ich werde dem Kaiser sagen, dass es mir sehr gefällt!“

„Nun, das freut uns!“ sagten beide Weber, und darauf benannten sie die Farben mit Namen und erklärten das seltsame Muster. Der alte Minister merkte gut auf, damit er dasselbe sagen könne, wenn er zum Kaiser zurückkomme, und das tat er auch.

Nun verlangten die Betrüger mehr Geld, mehr Seide und mehr Gold zum Weben. Sie steckten alles in ihre eigenen Taschen, auf den Webstuhl kam kein Faden, aber sie fuhren fort, wie bisher an den leeren Stühlen zu arbeiten.

Der Kaiser sandte bald wieder einen anderen tüchtigen Staatsmann hin, um zu sehen, wie es mit dem Weben stehe und ob das Zeug bald fertig sei; es ging ihm aber gerade wie dem ersten, er guckte und guckte; weil aber außer dem Webstuhl nichts da war, so konnte er nichts sehen.

„Ist das nicht ein ganz besonders prächtiges und hübsches Stück Zeug?“ fragten die beiden Betrüger und zeigten und erklärten das prächtige Muster, das gar nicht da war.

,Dumm bin ich nicht’, dachte der Mann; es ist also mein gutes Amt, zu dem ich nicht tauge! Das wäre seltsam genug, aber das muss man sich nicht merken lassen!’ Daher lobte er das Zeug, das er nicht sah, und versicherte ihnen seine Freude über die schönen Farben und das herrliche Muster. „Ja, es ist ganz allerliebst!“ sagte er zum Kaiser.

Alle Menschen in der Stadt sprachen von dem prächtigen Zeuge. Nun wollte der Kaiser es selbst sehen, während es noch auf dem Webstuhl sei. Mit einer ganzen Schar auserwählter Männer, unter denen auch die beiden ehrlichen Staatsmänner waren, die schon früher dagewesen, ging er zu den beiden listigen Betrügern hin, die nun aus allen Kräften webten, aber ohne Faser oder Faden.

„Ja, ist das nicht prächtig?“ sagten die beiden ehrlichen Staatsmänner. „Wollen Eure Majestät sehen, welches Muster, welche Farben?“ und dann zeigten sie auf den leeren Webstuhl, denn sie glaubten, dass die andern das Zeug wohl sehen könnten.

,Was!’ dachte der Kaiser; ich sehe gar nichts! Das ist ja erschrecklich! Bin ich dumm? Tauge ich nicht dazu, Kaiser zu sein? Das wäre das Schrecklichste, was mir begegnen könnte.’ „Oh, es ist sehr hübsch“, sagte er; „es hat meinen allerhöchsten Beifall!“ und er nickte zufrieden und betrachtete den leeren Webstuhl; er wollte nicht sagen, dass er nichts sehen könne. Das ganze Gefolge, was er mit sich hatte, sah und sah, aber es bekam nicht mehr heraus als alle die andern, aber sie sagten gleich wie der Kaiser: „Oh, das ist hübsch!’ und sie rieten ihm, diese neuen prächtigen Kleider das erste Mal bei dem großen Feste, das bevorstand, zu tragen.

„Es ist herrlich, niedlich, ausgezeichnet!“ ging es von Mund zu Mund, und man schien allerseits innig erfreut darüber. Der Kaiser verlieh jedem der Betrüger ein Ritterkreuz, um es in das Knopfloch zu hängen, und den Titel Hofweber.

Die ganze Nacht vor dem Morgen, an dem das Fest stattfinden sollte, waren die Betrüger auf und hatten sechzehn Lichte angezündet, damit man sie auch recht gut bei ihrer Arbeit beobachten konnte. Die Leute konnten sehen, dass sie stark beschäftigt waren, des Kaisers neue Kleider fertigzumachen. Sie taten, als ob sie das Zeug aus dem Webstuhl nähmen, sie schnitten in die Luft mit großen Scheren, sie nähten mit Nähnadeln ohne Faden und sagten zuletzt: „Sieh, nun sind die Kleider fertig!“

Der Kaiser mit seinen vornehmsten Beamten kam selbst, und beide Betrüger hoben den einen Arm in die Höhe, gerade, als ob sie etwas hielten, und sagten: „Seht, hier sind die Beinkleider, hier ist das Kleid, hier ist der Mantel!“ und so weiter. „Es ist so leicht wie Spinnwebe; man sollte glauben, man habe nichts auf dem Körper, aber das ist gerade die Schönheit dabei!“ „Ja!“ sagten alle Beamten, aber sie konnten nichts sehen, denn es war nichts da.

„Belieben Eure Kaiserliche Majestät Ihre Kleider abzulegen“, sagten die Betrüger, „so wollen wir Ihnen die neuen hier vor dem großen Spiegel anziehen!“

Der Kaiser legte seine Kleider ab, und die Betrüger stellten sich, als ob sie ihm ein jedes Stück der neuen Kleider anzogen, die fertig genäht sein sollten, und der Kaiser wendete und drehte sich vor dem Spiegel.

„Ei, wie gut sie kleiden, wie herrlich sie sitzen!“ sagten alle. „Welches Muster, welche Farben! Das ist ein kostbarer Anzug!“ - „Draußen stehen sie mit dem Thronhimmel, der über Eurer Majestät getragen werden soll!“ meldete der Oberzeremonienmeister.

„Seht, ich bin ja fertig!“ sagte der Kaiser. „Sitzt es nicht gut?“ und dann wendete er sich nochmals zu dem Spiegel; denn es sollte scheinen, als ob er seine Kleider recht betrachte.

Die Kammerherren, die das Recht hatten, die Schleppe zu tragen, griffen mit den Händen gegen den Fußboden, als ob sie die Schleppe aufhöben, sie gingen und taten, als hielten sie etwas in der Luft; sie wagten es nicht, es sich merken zu lassen, dass sie nichts sehen konnten.

So ging der Kaiser unter dem prächtigen Thronhimmel, und alle Menschen auf der Straße und in den Fenstern sprachen: „Wie sind des Kaisers neue Kleider unvergleichlich! Welche Schleppe er am Kleide hat! Wie schön sie sitzt!“ Keiner wollte es sich merken lassen, dass er nichts sah; denn dann hätte er ja nicht zu seinem Amte getaugt oder wäre sehr dumm gewesen. Keine Kleider des Kaisers hatten solches Glück gemacht wie diese.

Aber er hat ja gar nichts an!“ sagte endlich ein kleines Kind. „Hört die Stimme der Unschuld!“ sagte der Vater; und der eine zischelte dem andern zu, was das Kind gesagt hatte.

Aber er hat ja gar nichts an!“ rief zuletzt das ganze Volk. Das ergriff den Kaiser, denn das Volk schien ihm recht zu haben, aber er dachte bei sich: ,Nun muss ich aushalten.’ Und die Kammerherren gingen und trugen die Schleppe, die gar nicht da war.

[http://www.gutenberg.aol.de/andersen/maerchen/kaisersn.htm]

 


Alice Miller

 

Je mehr Menschen sich als Opfer entdecken und den Opferstatus für sich reklamieren, desto schwieriger wird es allmählich, zwischen wirklichem oder nur vermeintlich erlittenem Unrecht zu unterscheiden und "Wiedergutmachung" zu diskutieren.

Alice Miller hat in ihren Schriften beispielweise auf die psychischen und physischen Verbrechen hingewiesen, die Kinder durch ihre Eltern erlitten haben, die sie aber nie "merken" durften. Eine therapeutische Ideologie des Vergebens sei entstanden, um die Täter zu schonen.

Andere Therapeuten dagegen haben immer wieder betont, dass das eigene Seelenheil nur dann zu haben ist, wenn man spätestens als Erwachsener seinen Frieden mit den Eltern - was immer sie getan haben - gemacht hat. Wenn dies nicht gelingt, rumort die unverarbeitete Kränkung im Opfer weiter und macht es psychisch oder körperlich krank.

Sicher hängt es von individuellen Fall ab, ob jemand vergeben kann (und soll), und nur das Opfer selbst darf entscheiden, wann es dazu bereit ist. Diese komplizierte Psychodynamik wird jedoch immer mehr übertragen auf das Zusammenleben im Alltag: auf relativ geringfügige Kränkungen reagieren viele wie Tom Sawyer, den seine Tante einmal zu Unrecht verstimmt hat: sie wälzen sich wollüstig in Selbstmitleid und phantasieren darüber, wie sie dem Übeltäter das erlösende Wort der Verzeihung verweigern.

Solche Phantasien werden noch gefüttert durch Literatur und Film - was dem einen sein Graf von Monte Christo oder Michael Kohlhaas, ist dem anderen sein Rambo. Das Nachtragen ist ein Nationalsport, der nicht gesund macht. Es ist  selbstzerstörerisch, während das Vergebenkönnen eine heilsame Form des Egoismus ist: wer seine "Rechtsansprüche" und "Übelnehmereien" aufgibt, tut sich selbst den größten Gefallen.

 


Die Liebe

 

Auf dem Gebiet der "Liebeslüge" nun hat es der Mensch - insbesondere der Mann - zu wahrer Meisterschaft gebracht. Wenn F. Nietzsche, der Philosophoph der "Fernstenliebe", einmal sinngemäß meinte, was als wahr wirken soll, dürfe nicht wahr sein -  so gilt dieses Diktum besonders für die Liebesverhältnisse des Menschen.

Die Liebesverhältnisse des Homo sapiens sind dermaßen verwickelt, dass sich in ihnen Wahrheit und Lüge ständig vermischen: Soll eine Liebe oder Passion, eine Affäre oder eine 'Traumnummer' beginnen, müssen zuvor die richtigen Worte fallen. Unmögliche Worte. Denn sie sollen verführerisch klingen und aufrichtig sein, schön und vertrauenserweckend, verlangend und wahr. Stets nistet in den Bedingungen des Gelingens ein Betrug.

Wer der Wirkung von Worten verfallen soll, den muss das Verlangen hypnotisieren und der Schein der Wahrheit blenden.

Es hat den Anschein, als ob in der Menschenliebe das Betrugspotential der Sprache "optimal" zur Geltung kommt.  Allerdings wird auch nirgendwo sonst so heftig um Wahrheit gerungen wie in der Liebe: Alle berühmten Liebesgeschichten können als Gleichnisse menschlicher Macht und Ohnmacht im Ringen um Wahrheit angesehen werden. Jede Kultur bringt ihre eigene Liebessprache und Liebeswahrheit hervor.

So hat Goethes "Werther" ganze Generationen mit seinem Liebeswahn absoluter Wahrheit berauscht. Doch die Utopien und Visionen werden immer kurzlebiger, je schneller der Kulturprozess abläuft. Wo heutzutage alles zunehmend nur noch von Tagesdauer ist, ob literarische, wissenschaftliche oder politische Moden, da sind auch die Sprachen der Liebe und des Verlangens nicht ausgenommen: Auch sie geraten in den Sog der Konsumwelt. Aber nach wie vor halten Liebende, für wie kurze Zeit auch immer, die Utopie einer zeit- und sprachlosen Liebeseinheit aufrecht.

Dabei ist die ewige, immergültige Liebe so wenig von dieser Welt wie der ewige Friede - so bezeichnet denn Schneider die Liebe auch als eine "triviale Miniatur des Friedens".

 


Woody Allens neuer Film „Geliebte Aphrodite“

von Andreas Kilb

 

Woody Allens sechsundzwanzigster Film erzählt eine alte Geschichte im griechisch-amerikanischen Stil

Jedermann weiß, was Ödipus getan hat. Den eigenen Vater erschlagen, mit der eigenen Mutter geschlafen! Und das alles nur, weil er nicht zu Hause aufgewachsen war, sondern bei einem Hirten im Gebirge – ein Adoptivkind, nichts ahnend von der eigenen Herkunft, schuldlos preisgegeben dem Väterfluch. Böses Schicksal!

„Weh, weh, Unglückseliger!“ rief darum, bei Sophokles, der Chor. Und weinte. Das war im alten Griechenland. Im modernen Amerika sehen solche Geschichten natürlich ganz anders aus. Da steht ein vermeintlicher Mörder oder Kinderschänder vor Gericht, und ringsherum sitzt die versammelte Fernsehnation und verdammt oder beweint den Unglücklichen, und nach dem Urteilsspruch treten ein paar ausgewählte Jedermänner vor die Kamera und geben ihr eigenes Verdikt ab, schuldig, nicht schuldig, schuldig -

Aber nein, aber nicht doch! Es gibt auch andere Fälle. Die Geschichte von Lenny Weinribs Adoptivvaterschaft zum Beispiel beginnt, ganz klassisch, in einem griechischen Theater. Es dämmert, Feuerschalen werden entzündet, und schwarz gekleidete Gestalten betreten die Bühne: der Chor. Der Seher Teiresias und die Seherin Kassandra sind dabei und auch Jokaste, Ödipus’ Mutter, mit Vater Laios; nur Ödipus fehlt. Warum wohl?

Und was tut der Chor? Er klagt. Mehr noch: Er klagt an. Zuerst lamentiert er nur ganz allgemein über die „Ungerechtigkeit der Götter“, welche „töricht und täppisch“ die Wege des Menschenherzens leiten. Doch dann kommt er, heilig zürnend, zur Sache, nennt Namen und Fakten: „Nehmt zum Beispiel den Fall . ... von Lenny Weinrib.“ Damit sind wir in New York. Lenny Weinrib, Sportreporter, und seine reizende Frau Amanda (Helena Bonham-Carter) wünschen sich ein Kind. Aber Amanda, eine aufstrebende Galeristin, hat keine Zeit zum Kinderkriegen. Deshalb schlägt sie eine Adoption vor. Lenny sagt nein. Doch schon kurze Zeit später hält er ein Baby im Arm und strahlt.

 

Die glücklichen Adoptiveltern

 

Wie soll der Junge heißen - Groucho, Harpo, Django, Sugar Ray, Cole, Shane oder Thelonious? Amanda nennt ihn Max. Und Lenny fügt sich. Fünf Jahre vergehen. Das adoptierte Baby wächst zu einem prächtigen kleinen hochbegabten Kerl heran, einem wahren Intelligenzbolzen. Nur die Ehe von Lenny und Amanda Weinrib hält längst nicht mehr, was sie einmal versprochen hat. Darum kommt Lenny eines harmlosen Tages, als er seinen wohlgeratenen Sohn betrachtet, ein verlockender Gedanke:

Wenn schon das Kind so hübsch und klug ist, wie gottbegnadet mag dann erst die Mutter sein? Und so macht er sich auf, Max’ leibliche Erzeugerin zu finden.

 

Mira Sorvino und Woody

 

In diesem Augenblick tritt der Chor wieder auf den Plan. „Geh nicht weiter!“ ruft der Chorführer (F. Murray Abraham) Lenny zu. Und Kassandra schreit: „Ich sehe Unglück, Katastrophen, schlimmer noch:

Ich sehe Anwälte!“ Auch der Zuschauer spürt bei diesen Worten eine gewisse Beklemmung. Denn Lenny Weinrib ist Woody Allen, und Lenny Weinribs Geschichte ist Woody Allens sechsundzwanzigster Film:

„Geliebte Aphrodite“. Und Woody Allen, wir erinnern uns, hat vor gerade vier Jahren das Walten der Liebesgöttin auf eine Weise erlebt, die ihn beinahe zum Fall für die versammelte Fernsehnation werden ließ. „Kinder-Sex Schlammschlacht zweier Superstars - Affäre Woody - Woody Allen ein gebrochener Mann“: so titelten damals die Revolverblätter der Welt. Wir sahen Unglück, Katastrophen, schlimmer noch - wir sahen Anwälte. Mach’s nie wieder, Woody Allen!

In dieser bösen Zeit lernte der Filmregisseur Allen den furchtbaren Eifer jener Macht kennen, die wir grob verharmlosend als „die Öffentlichkeit“ bezeichnen. Bei Sophokles, Aischylos und Euripides hieß sie: der Chor. Der Tragödienchor vertrat die Volksmasse von Athen, so wie die heutigen Medien die Masse des Publikums vertreten.

Die griechischen Mythen waren die Skandalgeschichten des Altertums - und die Chormitglieder ihre fleißigen Claqueure: Öffentlichkeit antik. Deshalb ist es nur konsequent, dass Woody Allen in seinem dritten Spielfilm post scandalum einen griechischen Chor auftreten läßt. Und dass er ihn, im richtigen Moment, so elegant und eiskalt abfertigt, wie es ein Kreon oder Ödipus niemals gewagt hätte. Als nämlich Lenny Weinrib, immer auf der Suche nach der sagenhaften Kindsmutter, im Adoptionsbüro die kurzfristige Abwesenheit der zuständigen Beamtin ausnutzt, um sich an die begehrten (und verbotenen) Unterlagen seines Falls heranzumachen, hält ihn die Stimme des Chorleiters (der aus der Antike eigens hergeflogen ist) barsch zurück: „Tu’s nicht! Das ist Hybris! Den Lauf der Dinge soll man nicht ändern.“ Aber Lenny alias Woody schert sich nicht darum: „Ich handle wenigstens du redest immer nur. Deshalb sitzt du immer noch im Chor.“

Der da spricht, ist ein ganz anderer Mensch als jener Unglücks-Woody, den wir aus den düsteren Allen-Filmen der achtziger („Stardust Memories“, „Broadway Danny Rose“) und frühen neunziger Jahre („Verbrechen und andere Kleinigkeiten“) kennen. Es ist ein Mann, der die Traurigkeit des Stadtneurotikers Alvy Singer überwunden und den Todesmut des Boris Gruschenko wiedergefunden hat: ein Angsthase ohne Skrupel, ein Selfmademan wie der Gangster Cheech aus „Bullets over Broadway“, der für seine Kunst notfalls zur Pistole greift. Nach dem Trennungskrieg mit Mia Farrow, scheint es, hat sich der Autor Woody Allen noch einmal erschaffen: als Woody, der Glücksrabe. Früher hatten seine Filmfiguren eine Krise. Jetzt haben sie einen Plan.

Und so steht Lenny eines Tages vor einem Apartment an der Lower East Side, die Tür geht auf, etwas Blondes, Pralles, Aufgetakeltes weht auf Lenny zu, und eine Piepsstimme sagt: „Hi! Du bist meiner für um drei?“ Ist das etwa die heimlich Ersehnte, die heftig Gesuchte, die Kindsmutter, die mighty Aphrodite dieses Films? Sie ist es. Sie heißt Linda Ash, aber beruflich nennt sie sich Judy Cum, und die Mund- und Beinarbeit an ihren zahlenden Kunden hat ihr bisher gerade genug Zeit gelassen, um in Filmklassikern wie „Möschen“ und „Die verzauberte Muschi“ aufzutreten. Mira Sorvino spielt sie so, wie Julia Roberts ihre „Pretty Woman“ hätte spielen müssen: als Brocken, nicht als Aschenbrödel. Während sie an Lennys Ohrläppchen knabbert, um ihn in Stimmung zu bringen, weist sie ihn auf die erotischen Glanzstücke ihrer Wohnungseinrichtung hin - kleine Uhren, aufgereckte Kakteen, Wasserspiele und andere süße Schweinigeleien: „Schau mal, der Bischof fickt sie immer in den Arsch! Ist das nicht lustig?“

Linda Ash ist Lennys Alptraum - und zugleich sein Traum von einer Frau. In einem früheren Woody-Allen-Film, etwa in „Ehemänner und Ehefrauen“, wäre er an ihr zerbrochen. Doch diesmal ist alles anders. Statt sich wie weiland Ödipus dem Schicksal zu ergeben, erfindet Lenny es neu. Statt sich von dem erotischen Wirbelwind Linda umwerfen zu lassen, widersteht er ihr (abgesehen von einem winzigen, folgenreichen Moment ...) und schenkt ihr ein anderes Leben. Sogar die Griechenseelen geben ihren Segen dazu: „Er spielt Gott!“ zürnt zwar noch einmal der Chor, doch der Chorführer sagt milde: „Es wäre schön, wenn er’s hinkriegen würde.“ Und er kriegt es hin.

Natürlich hat dies alles nichts mit Woody Allens Privatleben zu tun - abgesehen davon, dass fast sämtliche Motive des Films „Geliebte Aphrodite“ aus dem Alltag des real existierenden Mr. Allen stammen. Aber auch diesmal wieder hat der Künstler Woody, wie seit Jahrzehnten schon, seinen Interviewern geschworen, dass alles frei erfunden sei, auch der Adoptivsohn und die Verführerin ... „Man kann nicht an nichts denken“, sagt ein altes Sprichwort in diesem Fall.

Und woran denkt der Griechenchor, wenn ihm nichts Rettendes mehr einfällt? An den Göttervater: „Hilf, mächtiger Zeus!“ Da meldet sich eine Stimme: „Hier ist Zeus. Ich bin gerade nicht zu Hause, aber Sie können mir eine Nachricht hinterlassen ... Bitte sprechen Sie nach dem Pfeifton.“ Hier ist die Nachricht: Ödipus läßt sich entschuldigen, die Tragödie fällt aus. Lenny Weinrib hat gesiegt. Es lebe die Komödie!

© DIE ZEIT Nr.34 vom 16. August 1996

 


Wer weiß, ob die Wirklichkeit wirklich wirklich ist?

 

von Olaf Müller

 

Der Philosoph Hilary Putnam antwortet mit einem Gedankenexperiment.

Klammheimlich hat gestern ein boshafter Spaßvogel in Ihren Nachttrunk ein geschmacksneutrales Narkotikum gestreut, das direkt nach dem Einschlafen zu wirken begann. Sie waren allein zu Hause, und so konnte niemand Alarm schlagen, als eine Bande von Chirurgen in Ihr Schlafzimmer einstieg, sich Ihres bewusstlosen Körpers bemächtigte und ihn in den Keller ihrer Klinik verschleppte. 

Die Chirurgen verloren keine Zeit. Sie sägten Ihren Schädel auf, um an Ihr Gehirn heranzukommen, das sie behutsam aus seiner Schale lösten und sogleich in eine Nährlösung gleiten ließen, damit es nicht absterbe. Dann begann die Fummelarbeit. Die Ärzte identifizierten jede einzelne Nervenbahn, durch die Ihr Gehirn bis gestern mit Ihrem Restkörper Informationen ausgetauscht hatte: Sehnerven, Nerven für akustische Reize aus dem Gehör, aber auch Nerven, durch die das Hirn Steuersignale zur Bewegung seines Exkörpers gesandt hatte.

Alle diese (bei der Operation durchtrennten) Nervenstränge verbanden die Doktoren mit einem Computer, in den sie zuvor mit Akribie sämtliche Fakten über Ihr Haus, Ihre Familie, Ihren Job und so weiter eingespeist hatten und in dem überdies ein geniales Programm zur Simulation von Nervenimpulsen geladen war. Als endlich die Wirkung des Narkotikums nachließ, starteten die Ärzte den Computer, und so meinten Sie, aus einem traumlosen Schlaf aufzuwachen. Der Simulationscomputer sorgte zuverlässig für den Anschein von Normalität. Er simulierte das Strecken Ihrer Glieder, den Kälteschock unter der Dusche, den Geruch Ihres Morgenkaffees und das leise Surren Ihres Computers, an dem sie sich jetzt sitzen und lesen wähnen ...

Doch das simulierte Idyll trügt. In Wirklichkeit ist Ihnen von Ihrer gestrigen Existenz nur das Gehirn geblieben; es schwimmt in einem Tank mit Nährflüssigkeit herum. Und bei Ihnen zu Hause dampft nicht der Frühstückskaffee. Vielmehr durchstöbert die Kripo Ihre Küche nach den Spuren der Entführer, und zwar genau jetzt!

Haben Sie irgendeine Chance herauszufinden, ob unsere kleine Geschichte erfunden ist? Können Sie wissen, dass Sie kein körperloses Gehirn im Tank sind, sondern dass Sie Hand und Fuß haben und soeben eine InternetZeitung lesen? Die Antwort auf diese Fragen ist negativ:

Keine denkbare Beobachtung kann ausschließen, dass sie perfekt simuliert ist. Reden Sie sich nicht damit heraus, dass unsere Computer noch zu lahm wären, um die nötigen Simulationen in Echtzeit durchzurechnen! Denn wer garantiert Ihnen, ob nicht irgendwelche Genies gerade gestern ihre geheime Arbeit an einem nie dagewesenen Supercomputer abgeschlossen haben? Unsere Geschichte ist theoretisch denkbar; das genügt.

Treiben wir die Sache zum Ärgsten. Vielleicht ist Ihr Gehirn nicht erst gestern in den Tank geraten, sondern steckte von Anbeginn in dieser traurigen Lage? Dann hätten Sie niemals einen eigenen Körper gehabt. Und vielleicht befinden sich Tank, Gehirn und Computer gar nicht im Keller einer irdischen Klinik. Sie könnten ja auch irgendwo im Andromedanebel herumschweben, weit, weit weg von unserem Sonnensystem. Wie, wenn es die Erde gar nicht gäbe? Dann wären Sie das einzige denkende Wesen überhaupt! Wer denn in diesem Fall den Simulationscomputer programmiert haben soll? Nun, die ganze Konfiguration könnte doch durch einen gigantischen Zufall entstanden sein: unwahrscheinlich, zugegeben - aber theoretisch denkbar. Oder?

Nicht denkbar, behauptet der amerikanische Philosoph Hilary Putnam aus Harvard, der diese Woche seinen 70. Geburtstag feiert. Er hat einen raffinierten, verwirrenden und völlig neuartigen Beweis gefunden, um den sich die Fachwelt seit fünfzehn Jahren zankt. Der Streit ist leicht erklärlich. Hätte Putnam recht, so wäre dies eine philosophische Sensation historischen Ausmaßes. Seit Beginn der Neuzeit ist es den Philosophen nicht gelungen, darzutun, dass wir genuines Wissen über unsere äußere Umgebung erzielen können. 

Die Krankheit heißt cartesischer Skeptizismus, und sie verläuft so: Wir können nicht ausschließen, dass wir stets träumen oder dauernd von einem bösen Dämon getäuscht werden - oder dass wir seit jeher ein Gehirn im Tank sind. Also können wir auch nicht wissen, dass wir, genau jetzt, wirklich im Internet lesen. Also können wir überhaupt nichts über die Welt um uns herum wissen. Diese skandalöse Konklusion wäre abgeschmettert, wenn Putnams Beweis gegen die Gehirne im Tank funktionierte (und wenn er sich auf die anderen beiden skeptischen Hypothesen, die von Descartes stammen, übertragen ließe: auf ewige Träume und arglistige Dämonen).

Bevor Sie sich Ihr eigenes Urteil über den Beweis bilden können, muss ein sprachphilosophischer Fachterminus erläutert werden: Referenz. Zwei Beispiele. Das Wort „Pluto“ referiert auf den äußersten Planeten unseres Solarsystems; das Wort „Planet“ referiert auf Pluto, auf die Erde, auf Venus, Mars und so weiter. Referenz ist also so etwas wie der Gegenstandsbezug von Wörtern. (Das Wort „und“ referiert daher überhaupt nicht.)

Putnam braucht zwei referenztheoretische Prämissen, um seinen Beweis ins Rollen zu bringen. Die erste Prämisse ist eine Binsenweisheit: 

1.    In meiner Sprache referiert das Wort „Eule“ auf Eulen. Das versteht sich von selbst. Wenn ich von Eulen rede, meine ich Eulen, was sonst. Stärkere Aufmerksamkeit verdient Putnams zweite Prämisse:

2.    In der Sprache eines ewigen Gehirns im Tank referiert das Wort „Eule“ nicht auf Eulen.

Warum nicht auf Eulen? Laut Annahme hat ein ewiges Gehirn im Tank keinerlei kausalen Kontakt zu echten Eulen. Da ginge es nicht mit rechten Dingen zu, wenn das Gehirn trotzdem auf Eulen referieren könnte. Sein Gebrauch des Wortes „Eule“ müsste etwa durch irgendwelche geheimnisvollen nichtkausalen Strahlen mit Eulen verbunden sein.

Sprechen wäre eine übernatürliche Fähigkeit, eine Art Hexerei. Eine solche magische Auffassung von Sprache ist unhaltbar. Sie fragen, worauf denn dann Gehirne im Tank mit ihrem Wort „Eule“ referieren? Vermutlich auf jene Bit-Muster im Simulationscomputer, die für die Eulen-Visionen verantwortlich sind. Wie auch immer diese Bits und Bytes aussehen, es sind keine Eulen aus Fleisch und Blut.

Nun beginnt der sensationell kurze Beweis. Aus den Prämissen 1 und 2 ergibt sich zwingend: 3. Meine Sprache ist von der Sprache eines ewigen Gehirns im Tank verschieden. Das ist logisch; die beiden Sprachen haben verschiedene Eigenschaften, also können sie nicht identisch sein. Wenn der Täter kleine Füße hat und der Gärtner große, dann war der Mörder nicht der Gärtner.

Und da sind wir schon am Ziel. Aus 3 folgt, und zwar abermals zwingend: 4. Ich bin nicht seit jeher ein Gehirn im Tank. Wäre ich nämlich ein ewiges Gehirn im Tank, so spräche ich auch seine Sprache, im Widerspruch zu 3. Da 3 bereits bewiesen ist, kann ich nicht seit jeher ein Gehirn im Tank sein, q. e. d.

Hier ist nicht genug Platz, um all die Einwände zu entkräften, die von der Schar der Philosophen gegen Putnams Beweis erhoben worden sind. Nur so viel: Der Streit hat Früchte getragen. In seiner ursprünglichen Version war der Beweis komplizierter und viel schwieriger zu verstehen. Erst vor fünf Jahren hat der schottische Philosoph Crispin Wright die Fassung des Beweises publiziert und kritisiert, die hier vorgeführt worden ist und die Putnam ausdrücklich als Verbesserung begrüßt. Man sieht: Selbst in der Philosophie werden zuweilen Erkenntnisfortschritte erzielt.

Eine andere Frage ist freilich, was uns die durch Putnams Beweis gewonnene Erkenntnis im Leben bringt: Ist es nicht völlig schnuppe, ob wir Gehirne im Tank sind - wo uns doch der Unterschied ohnehin nicht  auffallen würde? In einer Fußnote stellt sich Putnam dieser Frage. Er ändere seine Meinung hierüber immer wieder, je nachdem, ob er gerade verliebt sei! Ein Glücksfall für die Philosophie, wenn jemand sogar von Verliebtheitsanfällen in die Liebe zur Weisheit getrieben wird.

© DIE ZEIT Nr.32 vom 2. August 1996

 


Zum Tode des amerikanischen Filmemachers Fred Zinnemann

 

von Norbert Grob

 

„Eines Menschen Charakter ist sein Schicksal.“ Diese Sentenz von Robert Louis Stevenson diente Fred Zinnemann von Anfang an als Leitmotiv für die eigene Arbeit. Alle seine Filme erzählen von Menschen, die - aus welchen Gründen auch immer - eine bestimmte Aufgabe angenommen haben und besessen davon sind, sie mit Entschiedenheit zu Ende zu bringen. Schon bei seinem Debüt für MGM: „Kid Glove Killer“ (1942), einem kleinen, stimmungsvollen Krimi, ging es um einen Mann, der seine eigene Integrität über alles stellt. Als Experte des städtischen Polizeilabors verfolgt er selbst die Spuren, die seinen besten Freund belasten - und am Ende des Mordes überführen. In seinem Erfolgsfilm „From Here to Eternity“ (1953) kehrt G.I. Prewitt nach dem Überfall der japanischen Luftwaffe auf Pearl Harbour zu seiner Einheit zurück, obwohl ihn dort nichts erwartet außer Demütigung und Tod. 

Zinnemann faszinierte es, seine Helden in prekäre Situationen oder tiefgreifende Konflikte zu treiben, um an ihren Taten im Detail vorzuführen, was sie in ihrem Innersten auszeichnet. Die Frage ihrer Prinzipientreue war für ihn stets Bestandteil ihrer Stärke, ihrer Moral, ihrer Würde.

Ein einziger Film machte ihn weltberühmt: der Edelwestern „High Noon“ (1952) mit Gary Cooper und Grace Kelly. Auch dies ein hohes Lied auf die moralische Kraft des einzelnen, die Folge ist der persönlichen Verantwortung fürs Allgemeine. Sheriff Kane stellt sich, obwohl bereits demissioniert, der Bedrohung durch eine Gangsterbande, handelt also noch, als sein Auftrag längst erloschen ist. Auch als seine Mitbürger ihn dazu drängen, die Stadt zu verlassen, um so die Gangster milder zu stimmen, hält er es für seine Pflicht, die Stadt vor der Zerstörung zu bewahren. Seine Maxime: „Ich bin derselbe Mann - mit oder ohne Stern!“ Also handelt er nur danach, was sein Gewissen ihm vorschreibt. Jeden seiner alten Freunde bittet er um Hilfe, stößt dabei jedoch nur auf Ablehnung und Verweigerung. dass er danach nicht aufgibt, sondern für die Stadt kämpft, wie es seine innere Überzeugung verlangt, machte den Film in den fünfziger Jahren auch hierzulande (in Schulen, Akademien und Jugendheimen) zum wichtigen Anschauungsmaterial für überzeugende Zivilcourage.

Menschen am „Kreuzweg“, die ihrem Charakter gemäß handeln und so zu ihrer ganz eigenen Haltung, ihrem spezifischen Standpunkt finden, „bis der nächste Kreuzweg kommt“, das war und blieb Zinnemanns zentrales Thema. In „A Man for All Seasons“ (1966) wird der britische Lordkanzler Sir Thomas More von seiner Frau einmal gefragt, ob er dem König tatsächlich widersprochen habe. Seine Antwort: „Ja!“ - „Und warum?“ - „Weil ich nicht anders kann.“

Geboren wurde Fred Zinnemann am 29. April 1907 in Wien - als Sohn einer jüdischen Arztfamilie. Seine Eltern wollten eigentlich, dass er Jura studiere. Doch ihn zog es schon früh zum Kino, zu der Kunstform, deren Ausdruck es noch zu erforschen galt. 1927 war er in Paris. 1928 lernte er in Los Angeles den amerikanischen Dokumentaristen Robert Flaherty kennen, der ihn zutiefst beeindruckte. 1929 arbeitete er in Berlin an Robert Siodmaks genialer Wochenend-Impression mit, an „Menschen am Sonntag“: als Kameraassistent des Magiers Eugen Schüfftan. Anfang der dreißiger Jahre hielt er sich erneut in den USA auf, war Darsteller für Lewis Milestone, Regieassistent von Bernhard Viertel, drehte Kurzfilme und 1934 schließlich den Dokumentarfilm „Netze“. Ab 1937 war er festangestellter Regisseur beim Glamour-Studio MGM, anfangs für Dokumentarfilm, ab 1941 auch für Spielfilm.

Zinnemann gehörte nie zu den Hollywood-Leuten, die Filme am laufenden Band produzieren mussten, also auch nie zu den professionellen Handwerkern, die das wöchentlich wechselnde Programm zu bedienen hatten. Von Anfang an blieb ihm die Freiheit für Grundlegenderes, dafür, mit seinen Filmen auch aufzuklären und aufzurütteln. Dies allerdings nicht, ohne zu unterhalten. Seine Filme sollten schon so spannend sein, dass die Zuschauer vergessen, wo sie sind. Sein Ideal: der Zuschauer, der anfangs eine Zigarette rauchen will, dann aber bis zum Ende nicht dazu kommt, sie anzuzünden.

Bei seinem dritten Film: „The Seventh Cross“ (1944) arbeitete Zinnemann mit Spencer Tracy zusammen. Ihn beeindruckte die Darstellungskunst des Stars. Zugleich aber ärgerte ihn, dass Tracy für die Rolle viel zu dick war. Doch daran habe er leider nichts ändern können, die alte Studio-Philosophie habe gesiegt: „Every star has to be glamorous.“

Betrachtet man Zinnemanns Filme im ganzen, so läßt sich konstatieren, dass er sich auch später noch stets an diese Regel hielt. Ob er nun Audrey Hepburn als Schwester Lukas in „The Nun’s Story“ (1959) inszenierte oder Montgomery Clift als Überlebenden des Naziterrors in „The Search“ (1946), Jane Fonda als Hammetts Lebensgefährtin Lilian Hellman in „Julia“ (1977) oder zuletzt Sean Connery als obsessiven Bergsteiger in „Five Days One Summer“ (1981), immer folgte er der Devise seines früheren Studiobosses Louis B. Mayer: „Man muss immer das Gesicht des Stars sehen, sogar wenn’s Mitternacht in einem Tunnel ist.“

Unter seinen späten Filmen sicherlich der aufregendste: „Der Schakal“ (1973), das Portrait eines Auftragskillers, inszeniert im Stil eines nüchternen Dokudramas. Zinnemann gibt hier seinem alten Helden-Typus eine schwarze Klangfarbe, indem er betont, dass auch sein leidenschaftsloser Totschläger allein seinen inneren Überzeugungen folgt - nicht weil er sich einen Vorteil davon verspricht, sondern weil er eben ist, wie er ist. Zinnemanns Regie gelingt dabei etwas ganz seltenes: eine Vision kältester Präzision.

1986, als die Filmfestspiele Berlin Fred Zinnemann eine Retrospektive widmeten, konnte ich ihn kennenlernen - bei einem Essen in kleiner Runde. Auf alle Fragen nach seinen Filmen antwortete er eher unwillig. Es wurde schnell klar, dass ihn die alten Zeiten langweilten. So stellte plötzlich er immer häufiger die Fragen. Und wir hatten unsere eigenen Antworten zu haben.

Fred Zinnemann, damals fast achtzig Jahre alt, ist mir deshalb in Erinnerung als ein Mann, der es ablehnte, in der Vergangenheit zu leben, der es statt dessen vorzog, „in tune“ zu bleiben, neugierig auf alles Entlegene, offen für alles Ungewöhnliche. Am Freitag letzter Woche ist er in London gestorben.

© DIE ZEIT 21.03.97 Nr.13