AKTIV und PASSIV als Stilmittel

© Justo Fernández López


 

«Auch sonst sollte der Übersetzer - insbesondere in wissenschaftlichen Texten - nicht zögern, in der deutschen Übersetzung, da wo es sich anbietet, Passivkonstruktionen zu wählen, auch da, wo die Perspektive durch die Verlagerung des Objekts in die Subjektfunktion verlagert werden muss. Das Passiv ist im Deutschen in erster Linie ein textuelles Phänomen. Es wird stets da verwendet, wo es einen bequemen Anschluss des Nachfolgenden an das Vorhergehende ermöglicht.» [Scherer, Hans: Kommentierte Übersetzungen Sp.-Dt., Bonn: Rom. Verlag, 1990, S. 15-16] 

 

Aktiv und Passiv als Stilmittel

Tatform vs. Leideform

 

«Nun ist es bei einem Vorgang, der sich sowohl in der Tat- als auch in der Leideform grammatisch richtig ausdrücken lässt, keineswegs gleichgültig, welche Handlungsart wir wählen.

Unser Hund ist von einem Auto angefahren worden.

hört sich anders als

Ein Auto hat unsern Hund angefahren.

Woran liegt es, dass die Leideform hier natürlicher wirkt? Da hängt mit der Betonung zusammen. Während der Franzose z. B. das Satzende betont und somit das Schwergewicht seiner Aussage auf den Satzschluss legt, haben wir Deutschen die Angewohnheit, Anfang und Ende zu betonen. Was uns wichtig erscheint, packen wir in die Stellen des Satzes, die durch Starkton Nachdruck erhalten; das weniger Wichtige steht an tonschwacher Stelle in der Mitte. Hier ist das Wichtigste “unser Hund” und die Tatsache, dass er angefahren worden ist. Dass ein Auto und nicht die Straßenbahn Ursache des Unglücks war, scheint weniger bedeutsam.

 

Brieftauben als Menschenräuber?

 

Wir dürfen also das Kind nicht mit dem Bade ausschütten. So unangebracht der häufige Gebrauch der Leideform in einer lebendigen Darstellung ist – denken Sie nur an die Originalreportage eines Fußballspiels -, so berechtigt ist das Passiv in anderen Fällen. Manchmal hilft es Mißverständnisse vermeiden.

Maigklöckchen überreichten einige Verehrer der berühmten Sängerin Renata Tebaldi

“Wie haben die Maiglöckchen das bloß gemacht?” möchte man fragen, ehe einem ein Licht aufgeht. Der Satz gehört umgedreht:

Einige Verehrer überreichten der berühmten Sängerin Renata Tebaldi Maigklöckchen.

Das ist eine normale Reihenfolge der Satzglieder: der “Täter”, der Satzgegenstand, geht voran, dann wird gesagt, was er tut, und dann folgen verschiedene Ergänzungen. Der Ausdrucktsreichtum unserer Sprache beruht aber darauf, dass wir an diese Reihenfolge nicht gebunden sind. Wir können die Wortfolge nahezu beliebig verändern, solange der Sinn der Aussage nicht entstellt wird.

80 Brieftauben stahlnen zwei junge Männer aus Landendreer.

Wer stahl hier wen? Der umgedrehte Satz ist, genaugenommen, auch nicht eindeutig:

Zwei junge Männer aus Langendreen stahlen 80 Brieftauben.

Eindeutigkeit erreichen wir in einem solchen Fall erst durch die Leideform:

80 Brieftauben wurden von zwei jungen Männern aus Langendreer gestohlen.

Auch kann es völlig uninteressant sein, wer den “Täter” einer Handlung ist. Absurd, wenn der Betreffende dann ausdrücklich genannt wird.

Der Wärter schließt den Park bei Einbruch der Dunkelheit.

steht natürlich nicht auf dem Schild neben dem Parktor, sondern

Der Park wird bei Einbruch der Dunkelheit geschlossen.

 

Die schwache Seite der Fachschriftsteller

 

Wenn Fachschriftsteller einen Arbeitsvorgang beschreiben, stellen sie ihn gern im Passiv dar. Sie meinen, für den Leser sei der “Täter” völlig belanglos, es gehe nur um die exakte Darstellung eines Arbeitsverfahrens. Daran ist etwa Wahres, nur darf der Schreiber nicht in Hauptwörterei verfallen. Statt

Nach einer mehrminutigen Einwirkdauer der Grundierung wird die wasserhelle Zellulosenmattierung im Feinauftrag und Kreuzgan geschichtet.

kann man auch schreiben

Wenn die Grundierung mehrere Minuten (auf die Holzoberfläche) eingewirkt hat, wird die Mattierung kreuzweise dünn aufgetragen.

Überhaupt scheinen Techniker, die für die Abfassung von Bedienungsanleitungen verantwortlich sind, in Leideform und Hauptwörter geradezu verliebt zu sein – und dabei sollten Gebrauchsanleitungen doch eigentlich verkaufen helfen. Finden Sie, dass folgender Auszug aus einer Gebrauchsanweisung für eine elektrische Schreibmaschine einen noch unentschlossenen Kunden in seiner Kaufabsicht bestärkt?

Diese Schreibmaschinentype kann mit 2,3 und 2,6 mm Buchstabenabstand geliefert werden. Die Unterbrechung des Wagenrücklaufs erfolgt durch Betätigung der Tabulier- oder Leertaste. Durch anhaltendes Niederdrücken der Wagenrücklauftaste wird zusätzlich die Dauerzeilenschaltung am linken Wagenrand bewirt. Die Abschaltung des Motors geschiet beim Abnehmen der Abdeckhaube automatisch.

Insgesamt vier Sätze, zwei davon in der Tatform, zwei in der Leideform. Allerdings kann niemand behaupten, dass die beiden Sätze in der Tatform schöner seien. Im Gegenteil, hier wäre das Passiv vorzuziehen, weil sich dann ein Hauptwort sparen ließe.

statt

Die Unterbrechung des Wagenrücklaufs erfolgt durch Betätigung der Tabulier- oder Leertaste.

besser

Der Wagenrücklauf wird durch Anschlagen der Tabulier- oder Leertaste unterbrochen.

statt

Die Abschaltung des Motors geschieht beim Abnehmen der Abdeckhaute automatisch.

besser

Beim Abnehmen der Abdeckhaube wird der Motor automatisch abgeschaltet.

 

Erfolgen und geschehen

 

erfolt durch und geschieht mittels sind Lieblingsausdrücke derjenigen Techniker, die in ihrem Streben nach sprachlicher “Ein-Eindeutigkeit” vergessen, dass man es auch einfach sagen kann. Bald wird sogar der Klempner von nebenan, statt unsern tropfenden Wasserhahn abzudichten, die vorzunehmende Neu-Abdichtung des schadhaften Wasserhahnes durch Auswechseln des zwischengelegten Dichtungsringes aus Hartgummi erfolgen lassen.

Nicht nur im technischen Schrifttum, sondern in allem, was so im Alltag geschrieben und gedruckt wird, zeigt sich eine Vorliebe für passivische Wendungen. Das gilt besonders für die Herren, die es “von Amst wegen” so gut mit uns meinen, dass sie uns “zwecks Vermeidung des Erhalts von üblicherweise unangenehmen Strafverfügungen” ständig zu irgend etwas auffordern:

Da unaufgefordert die erste Aufforderung nicht von Ihnen befolgt worden ist, werden Sie hiermit aufgefordert, der Aufforderung nunmehr ohne nochmalige Aufforderung Folge zu leisten, andernfalls eine Strafverfolgung gegen Sie erlassen wird.

Zugegeben, ganz so amtsdeutsch hat dieser Satz im Original nicht geklungen, aber mit etwas Übertreibung lässt sich das Typische mancher sprachlichen Gepflogenheit eher verdeutlichen als mit langatmigen Erklärungen.

 

Die starke Seite der Werbetexter

 

Völlig frei vom allgemeinen Trend zum Passiv ist die Sprache der Werbung. Werbeleute texten im Aktiv, Werbeleute wissen, was sie wollen: akommen” – überzeugen – verkaufen. Als Beispiel ein werbewirksames Stellenangebot aus einer Tageszeitung:

Können Sie Hundermarktscheine für 20,- DM verkaufen?

Wir würden Ihnen nich raten, es zu versuchen – zumindest nicht mit Ihrem eigenen Geld -, aber glauben Sie uns, es ist gar nicht so einfach. Die Geschäftsleute, denen Sie das große Geld mit 80 Prozent Rabatt anbieten, werden sich in den meisten Fällen mißtrauisch und ablehnend verhalten.

Sie Sie aber imstande, Vertrauen zu wecken und Ihre Kunden vor der Echtheit Ihres Angebots zu überzeugen, ist dieser Verkauf nicht schwer, und Sie werden schnell eine Menge Geld verdienen. Dazu brauchen Sie einen eigenen Wagen und Telefon. Sie sollten mindestens 28 Jahre alt sein. Weiterhin setzen wir voraus: Überzeugungskraft, Ehrgeiz und Intelligenz, die es Ihnen ermöglichen, mit Unternehmern auf gleicher Ebene zu verhandeln und Abschlüsse zu tätigen.

Wir wenden uns an Spitzenverkäufer und die, die es werden wollen. Neben außergewöhnlich hohem Einkommen bieten wir Aufstiegsmöglichkeiten im In- und Ausland.

Bewerben wenden sich bitte an ...

Hätten Sie nicht Lust, auf diese Anzeige zu schreiben? Zählen Sie einmal die Leideformen nach. Selbst wenn Sie keine übersehen haben, kommen Sie auf null. Die vier Fügungen mit werden sind nämlich nicht Leideformnen, sondern:

Wir würden Ihnen nicht raten ...

= Konjunktiv, umschrieben durch ‘würde’

Die Geschäftsleute werden sich mißtrauisch verhalten ...

= Aktiv, Futur

Sie werden schnell eine Menge Geld verdienen ...

= Aktiv, Futur

... die es werden wollen

= ‘werden’ als Vollverb

 

Mehr als eine Modekrankheit

 

Außerhalb der Werbesprache regiert die Leideform. Wo man geht und steht:

Es wird darauf hingewiesen, dass ...

Es wird gebeten, dass ...

Die verehrten Gäste werden ersucht ...

Wer weist auf etwas hin, wer bittet, wer ersucht die Gäste?

Man, ein ganz unpersönliches, unbestimmtes und unbestimmbares ‘man’. ‘man’ kann sein: eine Schulbehörde, ein Gartenbauamt, eine Kurverwaltung, ein Aufsichtsratsvorsitzender oder Herr Maier aus Hinterzarten.

Viele Sprachler sehen in dieser Vorliebe für die Leideform eine Modekrankheit. Die Bevorzugung der passivischen Fügungen in der Gegenwartssprache und ihrer Entsprechung, des unbestimmten Fürworts ‘man’, ist aber mehr als eine Mode, sie ist Ausdruck unserer Zeit, genauer: ein typischer Ausdruck unserer Geisteshaltung. Fragte man den Pessimisten, wie er es sich erkläre, er würde antworten: “Keiner wagt mehr, ‘ich’ zu sagen, keiner sagt: ‘Ich führe Ihren Auftrag aus’, jeder schiebt’s auf den andern und alle zusammen verstecken sich hinter der Leideform: ‘Ihr Auftrag wird von uns ordnungsgemäß ausgeführt’”. – Der Optimist dagegen: “Wir Leute von heute sich sachlich. Was sollten wir uns in den Vordergrund drängen?  Nicht, dass ich den Auftrag ausführe, ist wichtig, sondern das, was ausgeführt wird. Uns kommt es auf die Sache an.” – Die Wahrheit mag in der Mitte liegen.

Das Passiv ist die dem Vorsichtigen und dem Bescheidenen gemäße Ausdrucksform und darum auch in der Sprache der Wissenschaft zu Hause. Wer lebendig texten, wer etwas verkaufen möchte – und sei es nur die eigene Meinung –, der halten sich lieber an die Tatform.»

[Hallwass, Edith: Gutes Deutsch in allen Lebenslagen. Berlin u. a.: Deutsche Buch-Gemeinschaft, 1968, S. 128-232]

 

Función de la pasiva en el texto

 

«Passiv. Textfunktion:

Indem das Vorgangspassiv dem Sprecher/Schreiber ein Mittel an die Hand gibt, eine Kette von Aktivsätzen abwechslungsreicher zu gestalten, dient es in stilistischer Hinsicht ganz allgemein der Ausdrucksvariation. Darüber hinaus wird es besonders in Stilarten und Textsorten wie Sprache der Wissenschaft und Verwaltung, in wissenschaftlichen Abhandlungen, Gesetzestexten, Anordnungen und Gebrauchsanweisungen verwendet, weil es Formulierungen gestattet , die den Handelnden unbezeichnet lassen. Außerdem verliert die Handlung als solche ihren Charakter und erscheint als ein – vom Handelnden losgelöster – Vorgang.

Abgesehen davon, dass das Vorgangspassiv – wegen der Möglichkeit, das Agens auszusparen – eine ökonomische Ausdrucksweise darstellt, ist es auch noch in anderer Hinsicht maßgeblich am Aufbau eines Textes beteiligt: Es hilft dem Sprecher/Schreiber, die Mitteilungsperspektive gemäß seinen Absichten zu entwickeln, und zwar durch Thematisierung des Akkusativobjekts in seiner Äußerung und (stärkere) Rhematisierung von Prädikat und Agensgröße (Handlungsträger).

Als Thema bezeichnet man den Ausgangspunkt einer Mitteilung, das Bekannte, Gegebene, das als solches für den Hörer/Leser nur geringen oder gar keinen Mitteilungswert hat. Syntaktisch gesehen besetzt es meistens die Subjektstelle. Als Rhema bezeichnet man das neu Mitzuteilende, das als solches den größten Mitteilungswert trägt.

Thematisierung des Akkusativobjekts und stärkere Rhematisierung des Prädikats zeigt z. B. das folgende Beispiel:

...ich hatte am ersten Abend schon eine Schlägerei mit einem Schwachsinnigen ... Ich wurde nicht nur ganz schön zusammengeschlagen ..., ich bekam auch eine schwere Gelbsucht. (H. Böll)

Das Passiv (Ich ... wurde zusammengeschlagen...) erlaubt dem Autor hier, das Subjekt der ersten Satzes (ich) auch im zweiten beizubehalten. Da es sich auf schon Eingeführtes bezieht, spielt es die Rolle eines Themas ohne Neuigkeitswert. Demgegenüber hätte die entsprechende Aktivkonstruktion die Größe ich als Akkusativobjekt einführen müssen (Der Schwachsinnige schlug mich zusammen ...), wobei das Agens (Der Schwachsinnige) unnötigerweise wiederholt und der stilistisch wirkungsvolle Parallelismus der Konstruktion zerstört worden wäre. Gleichzeitig wird das Prädikat als Rhema, d. h. als Information mit dem größten Mitteilungswert, dadurch hervorgehoben, dass es nur in der Form eines verbalen Gefüges ohne Angensnennung dargeboten wird. (Eine noch stärkete Rhematisierung erzielt freilich das subjekt- und angabenlose Passiv vom Typ Es wird getanzt.)

Rhematisierung des Agens (des Handlungsträgers) begegnet im folgenden Ausschnitt aus einer Fußballreportage:

... jetzt wird Müller angespielt, von Meier.

Der besondere Mitteilungswert der Agensangabe von Meier wird hier durch Entstellung und Ausklammerung unterstrichen.»

[DUDEN: Die Grammatik. Mannheim e. a.: Dudenverlag, 1984, p. 180]