Treppe des Lebens, Stufen der Tage

Baltasar Gracián, der große spanische Barockdichter,

ist in einer neuen Übersetzung zu entdecken

Von Ralph Rainer Wuthenow

Baltasar Gracián (1601 bis 1658), bedeutende Gestalt des goldenen Zeitalters der spanischen Literatur, steht für uns im Schatten von Calderón, Quevedo, Góngora und anderen, vor allem wohl von Cervantes, und ohne die Übersetzung des Handorakels durch Arthur Schopenhauer wäre er vielleicht nur noch Hispanisten bekannt. Spanisch geprägtes europäisches Barock aus der Epoche der großen Schelmenromane und Satiren, der Moraltraktate Guevaras und der raffinierten, überaus kunstvollen Lyrik findet bei uns kaum noch Aufmerksamkeit. Aber Thomasius in Leipzig hat sich schon auf Gracián berufen, viele der französischen Moralisten durften zumindest das Oráculo manual gekannt haben, Nietzsche allerdings kannte es kaum. Dabei handelt es sich um eines der europäischen Grundbücher, Extrakt des schriftstellerischen Wirkens eines sonderbaren Jesuitenpaters, der mit seinen Oberen in Konflikt gerät, Lehr- wie Schreibverbot erhält und schließlich vielleicht nicht selig, aber doch unsterblich wird.

Sein allegorisch-philosophischer Roman El Criticón wird schon im 18. Jahrhundert, dann auszugsweise immer wieder einmal ins Deutsche übersetzt, auch noch im 20. Jahrhundert, aber ohne große Resonanz. Er erfreut, irritiert und überrascht den Leser als ein sozusagen typischer Barockroman durch moralphilosophische Reflexion, satirische Schärfe, Kaskaden von Antithesen und Wortspielen, Periphrasen und Allegorien, wie wir sie bei Abraham a Santa Clara kennen, zuweilen bei Grimmelshausen, kaum minder dann bei Jean Paul, und die den Leser so lange ärgern, bis er endlich die Geduld gefunden hat, sich darauf einzulassen.

Das kann, das muss einen Übersetzer zur Verzweiflung bringen, und man begreift, dass Hartmut Köhler die Teilübersetzung von 1957 und deren noch ungedruckte Fortführung von Hanns Studniczka nicht einfach zur Überarbeitung hat übernehmen können. Doch es sind nicht allein die Wortspiele und Antithesen, die sich als Widerstände auftürmen, es sind auch die Bilder und die Elemente einer anders begründeten Rhetorik. Rasch erscheint die Übersetzung als viel leichter zugänglich denn das Original für den spanischen Leser. Denn hinzu kommt der Reichtum an Anspielungen, die Fähigkeit, auch zwischen Periphrasen und Lakonismen sich elegant und immer wieder sentenziös zu bewegen. Das alles fordert, wo die genaue Übersetzung nicht möglich ist, den Ausgleich, das Äquivalent - wie schon bei der Bemühung um Góngoras Sonette oder Quevedos Buscón.

Hat Gracián in seinem einzigen Roman wirklich so etwas wie eine dantesche Wanderung zu gestalten gewagt? Die Analogie ist so leicht wie ungenau. Die nicht allein inhaltlichen Unterschiede sind offenkundig. Auch tritt er nicht als Richter auf, zudem beschränkt er sich auf die wirkliche Welt, wie unwirklich diese auch immer wieder werden soll. Das desengaño (Ent-Täuschung) führt ihn zu einem Als-ob, wie es im Handorakel bestimmt wird: Wenn die Welt nur Welt ist, müssen wir lernen, sie als solche zu behandeln, das Leben dementsprechend zu meistern. Dann aber sollten wir wissen, dass dies keineswegs alles ist.  Der Reichtum der Dinge endet in der vanitas. Unsere Bitterkeit ist die Frucht der Einsicht in Einsamkeit und Kälte. Schließlich geht es aber nur noch darum, Person zu sein im Bewusstsein von sich und vom wahren Wert der Welt.

Die „Labyrinthe der Rede“ im Criticón dienen der Verwirrung nicht minder als der Verständigung. Der schiffbrüchige Critilo verflucht das Leben, das ihm so wenig wohlgesinnt gewesen; auf einer Planke wird er an das Gestade einer verlassenen Insel geworfen. Nichts, so klagt er, ist so begehrt wie das Leben und nichts so unzuverlässig, einmal begonnen, endet es bereits, es hätte besser gar nicht erst beginnen sollen: „Eine Rabenmutter, so erweist Natur sich dem Menschen, reicht sie doch, was bei der Geburt sie ihm an Einsicht vorenthalten, beim Sterben nach.“ So ist es in der Tat, und im ganzen Roman wird ebendies nachgezeichnet: die mühselig im Medium vielfacher Erfahrungen gewonnene Einsicht, die der Mensch erst so spät erlangt, dass er sie kaum noch zu nutzen vermag.

Der nicht mehr junge, verbitterte, illusionslose Schiffbrüchige wird wunderbarerweise von einem kräftigen, schönen Jüngling an Land getragen, der auf seine Dankesworte nichts zu erwidern weiß, denn unter Raubtieren aufgewachsen, hat er die Sprache nicht, so auch kein Wissen von sich und seiner Herkunft. Doch dass er anders ist als die Tiere, die sich seiner angenommen, das hat ihn sein Bildnis im klaren Quell und überdies manche schmerzhafte Erfahrung gelehrt.

Critilo wird den schönen Jüngling (der sich später als sein Sohn herausstellen wird) sprechen lehren, wird ihm sein Leben erzählen und ihn einweihen in das bittere Los der Sterblichen unter ihresgleichen. Er nennt ihn Andrenio und müht sich erfolgreich, den schlummernden Geist in ihm zu wecken. „Denn wo die Kunst sich nicht ins Mittel legt, da verfällt die Natur der Verderbnis.“

Indem sie beide nun, nachdem ein zufällig sich näherndes Schiff sie mitgenommen nach Europa, aus Kindheit und Jugend herausgeführt hat, den Herbst des Mannesalters erreichen, um dann im Winter des Alters den Ruhm der Tugend und die Unsterblichkeit gewinnen zu können, durchwandern Critilo und Andrenio das Welttheater mit dem Quell der Täuschungen, der Verführung durch Glanz und Macht des Hoflebens, mit dem Zauber der Falsirena, um den zweifelhaften Reiz der Fortuna zu erfahren, den Schrecken, aber auch die Früchte des Alters, indem sie nach und nach gelernt, das Buch der Welt zu entziffern. Was sie schließlich auf dem Weg zur Insel der Unsterblichkeit an Land verlieren, gewinnen sie nach einem schönen Wort des Erzählers nunmehr an Sternen.

Doch welch ein Weg war es durch ganz Europa und zahllose bedeutungsvolle Stationen, gefährliche Schluchten, trügerische Gebäude, die von schmeichlerischen und zuweilen bedrohlichen Gestalten bewacht werden, den die beiden zuvor haben zurücklegen müssen!  Die Verkleidungen der Torheit wie des Lasters sind mannigfaltig und nur selten durchschaubar. Schattengestalten stellen sich ihnen entgegen, Zwergriesen; Frauen erscheinen mit zwei Gesichtshälften, von denen die eine noch schön, die andere schon gezeichnet ist von Alter und Entstellung; da erscheinen Menschen, die nichts sind als schwach umkleidetes Gehirn, andere, die bewegen sich dergestalt, dass nicht zu entscheiden ist, ob sie sich nähern oder aber entfernen. Ein ganzes Arsenal allegorischer Figuren wird von Gracián aufgeboten, Figuren, die einer danteschen oder breughelschen Hölle zu entstammen scheinen. Wie soll man sich zurechtfinden, wie soll man den Ratgeber und wohlmeinenden Begleiter vom heuchlerischen Betrüger unterscheiden?

Um das richtige Leben also geht es. Dabei verzichtet Gracián jedoch auf eine orthodoxe katholische Unterweisung, und wie sehr er auch ein Gegner der nordeuropäischen Ketzer ist, das Criticón ist nicht erbaulich. Dabei sind nun auch die beiden Protagonisten keine wirklichen, menschlich charakterisierten Gestalten wie etwa Don Quichotte und Sancho Pansa, sie handeln nicht, sie lieben nicht, sie fechten nicht, eigentlich reden sie bloß, sie sind nur allegorische Träger menschlicher Eigenschaften und existieren allein in ihren Worten, Fragen und Sentenzen. Sie haben kein Schicksal (Critilo hat das seine gewissermaßen hinter sich), sondern nur einen exemplarischen Lebensgang. Was Schicksal war, geht dem Romanwerk voraus. Ebendies unterscheidet das Criticón vom großen Erzählwerk des Cervantes, auf das man zuweilen äußerlicher Ähnlichkeiten wegen zum Verständnis hingewiesen hat. Doch sind derartige Analogien falsch, das Schema ist weit älter, das der Reise zweier verschieden gearteter Personen, und schon im Satyrikon des Petronius, von dem der Titel des Graciánschen Werkes sich in Analogie herleiten ließe, kann man es finden, und wir gewinnen nichts durch derartige Hinweise. Aufschlussreicher sind die Unterschiede.  Das sind auch hier die der Epoche, des Autors wie seiner Intention und damit des Erzählstils.

Der Roman des Gracián ist von grundsätzlich anderer Art, die allegorischen Elemente sind als bezeichnende, didaktische der Deutung so bedürftig wie die dazugehörigen Figuren, wobei der gelehrte Erzähler nicht allein auf das reiche Material der mittelalterlichen Allegorien und der daraus sich entwickelnden Emblematik zurückgreift, sondern eigene Gestalten hinzuerfindet wie die Vejecia, Lucindo, Artemia, Falsimundo und andere. Dabei gilt der konventionelle Gegensatz von Schein und Sein, der doch den Wertmaßstab bestimmen sollte, bei Gracián nicht immer in der gewohnten Weise: Was ist, bedarf des Scheins, um wahrgenommen zu werden, was sich verbirgt, vermag nicht zu wirken. Auch in einer solchen Haltung wird deutlich, dass bei Gracián von Einsicht, nicht aber von Weltverzicht und Askese gesprochen werden kann. Jedes Zeitalter hat seinen Wert, stellt seine Forderungen an den Menschen, diese aber erscheinen in den späteren Jahrhunderten deutlich gewachsen - man muss mehr wissen, um zu bestehen, als vormals. Man darf die Dinge nicht verachten; es gilt zu wissen, was sie bedeuten, wie sie zu nutzen und was sie in Wahrheit wert sind.

Motive des Schelmenromas sind von Gracián wohl aufgenommen worden, Glückswechsel, verkehrte Welt und Vertauschung von Mittel und Zweck, der Zusammenhang von Tugend und Wissen, Blindheit und Laster, Narrentum, das an der Unbeständigkeit der Welt meint festhalten zu können, Selbst- und Enttäuschung, aber damit ist noch nicht viel gesagt. Denn es ist nichts Besonderes, dergleichen wiederzuerkennen und die Topoi zu registrieren.  Wichtiger ist es zu sehen, wie Gracián damit umgeht. Das aber ist nicht allein lehrreich, es ist auch unterhaltsam; wie bei ihm auch das Sentenziöse nicht schulmeisterlich klingt, ist faszinierend, doch klingt es zuweilen imperativisch und apodiktisch: „Sei dir bewusst, wir steigen die Treppe des Lebens hinauf, und die Stufen der Tage, die wir hinter uns lassen, vergehen in eben dem Augenblick, da wir den Fuß abheben: Es gibt kein Zurück und keinen anderen Ausweg als nach vorne.“ Das ist so apodiktisch wie das Leben selbst.

Die Leistung des Übersetzers ist kaum genug zu loben und weit mehr als eine Probe von Fleiß und Geduld: Fantasie, Sprachwitz, Kenntnis wie Scharfsinn waren nicht minder erforderlich. In den Anmerkungen, die im Großen und Ganzen so nötig wie hilfreich sind, hat der Übersetzer gelegentlich des Guten wohl zu viel getan; der Leser wird nicht nur gewaltig belehrt, auch Gracián wird schon einmal vorsichtig zurechtgewiesen. Das aber fällt bloß auf, weil die Leistung des Übersetzers nur zu loben ist. Mit seiner Hilfe können die Leser einen ihnen höchstens dem Namen nach bekannten Schriftsteller entdecken, der zu den Großen seiner Epoche, ja Europas gehört.

Baltasar Gracián: Das Kritikon. Roman; aus dem Spanischen übersetzt und herausgegeben von Hartmut Köhler; mit einem Nachwort von Hans Rüdiger Schwab; Ammann Verlag, Zürich 2001; 984 S., 49,90 (Subskr. bis 31. Januar 2002), danach 65,90 

© DIE ZEIT  02/2002